Jahresprogramm 2017

Mi Jul 05 @13:30 -
Radwanderfahrt
So Jul 09 @14:00 - 17:00
Öffnung Bergfried
So Jul 09 @14:00 - 17:00
Öffnung Leo-Küppers-Haus

Veranstaltungen in Wassenberg
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Sänger: Karl Lieck

 

Rede des Heimatvereinsvorsitzenden, Sepp Becker, anlässlich der Eröffnung der Gedenkstätte am Synagogenplatz in Wassenberg am 10.11.2015

Sehr geehrte Damen und Herren,

der 9. November, der gestrige Tag also, ist ein besonderer, ein schicksalhafter Tag für Deutschland. Innerhalb von 71 Jahren ist dieser Tag im vorigen Jahrhundert viermal prägend für die deutsche Geschichte:
1918: Ausrufung einer demokratischen Republik
1923: Niederschlagung des Hitlerputsches in München
1938: Reichspogromnacht
1989: Öffnung der Berliner Mauer

Der Bezugstag für unsere heutige Feier ist die Reichspogromnacht am 9./10. November. 1938 erschießt ein junger jüdischer Mann einen deutschen Botschaftsmitarbeiter in Paris. Durch einen von den Nazis organisierten Pogrom wurden im deutschen Reich die Synagogen in Brand gesetzt, jüdische Geschäfte und Häuser demoliert und ausgeraubt, jüdische Menschen festgenommen und Männer ins KZ gesteckt.
In Wassenberg ist diese abscheuliche Aktion erst am nächsten Morgen durchgeführt worden – heute genau vor 77 Jahren, angeführt von zwei Wassenberger Nazis.

Die kleine Synagoge wurde beraubt und in Brand gesetzt, die jüdischen Frauen, Männer und Kinder im Keller des Rathauses inhaftiert. Das Mobiliar der Familie Benjamin zerschlagen. Einige jüdische Männer – Willi Reis und Bernhard Kaufmann - kamen ins KZ und kehrten später als gebrochene Menschen zurück.
Bei dieser Aktion hier in dieser Gasse gab es den mutigen Auftritt von Max Graab, der den Naziakteuren sinngemäß zurief: „Ihr Verbrecher! Ihr seid Gotteslästerer! Glaubt nur, dass euch das eines Tages heimgezahlt wird. Der Gott der Juden ist auch unser Gott.“ Das war beispielhafte Zivilcourage und kostete ihn einen Gefängnisaufenthalt.
Schulkinder wurden hierher in diese Gasse geführt und ihnen wurde die sogenannte „spontane Aktion des Volkes“ gezeigt und anschließend die festgesetzten Juden im Keller des Rathauses.

Seit wann gab es damals in Wassenberg eine kleine jüdische Gemeinde mit einer kleinen Synagoge?

1321, zu einer Zeit, als Wassenberg bereits seit ca. 50 Jahren Stadtrechte besaß, wird der Jude „Alexander“ sowie einige Jahre später das Judenbruch urkundlich erwähnt. Den jüdischen Friedhof gibt es seit 1688.
Aus dieser Zeit wissen wir nur wenig aus Wassenberg, aber Juden lebten hier in dieser kleinen Stadt. Es ist bekannt, dass die jüdische Bevölkerung in Europa immer wieder Nachstellungen und Pogromen ausgesetzt war. In anderen Zeiten erlebten sie auch Hochphasen – wenn sie für Schutzbriefe Geld zahlten.
Volles Bürgerrecht erhielten sie, als das Rheinland zu Frankreich kam. 1808 lebten in Wassenberg und Birgelen 42 jüdische Personen. Mit dem Fortfall der alten Judengesetze und der Berufsverbote verbesserte sich die Lebenssituation etwas. Viele waren jedoch sehr arm. Sie blieben meist weiterhin in den traditionellen Berufen tätig. Die auf dem Land lebenden Juden waren in der Regel Handwerker oder Händler: Metzger, Viehhändler, Schneider oder Hausierer. In Wassenberg kam der Beruf der Hutmacherin dazu.
Bis 1840 hatten die deutschen Juden in den kleinen und verstreut liegenden Gemeinden große Probleme ihr religiöses Leben zu organisieren. In der Zeit zwischen 1840 und 1870 kam es zu einer Blüte für die jüdischen Landgemeinden; zahlreiche kleinere Synagogen entstanden, so auch die Wassenberger Synagoge im Jahr 1867 (siehe Tafel). Das Gebäude war kein auffälliges oder gar architektonisch wertvolles Bauwerk.
Es folgte eine Zeit, die für die jüdische Gemeinde die angenehmste in ihrer Geschichte war: die Rechtsgleichheit aller Bürger, die Ausübung ihrer Religion im eigenen Gotteshaus, manchmal ein bescheidener Wohlstand, die Teilnahme am öffentlichen Leben waren problemlos. Dies zeigte sich auch daran, dass jüdische Familien in Wassenberg an Brauchtumsfeiern wie Vogelschuss, Kirmes und Veranstaltungen am 1. Mai teilnahmen. Karl Hertz und sein Schwager Willy Reis waren im 1. Weltkrieg deutsche Soldaten. Der Synagogenvorsteher Simon Heumann war eine angesehene Person im Ort und Mitbegründer des 1897 gegründeten Heimatvereins.
Das religiöse Leben wurde hauptsächlich in den Familien gepflegt und in den Gottesdiensten in der kleinen Synagoge. Es ist bemerkenswert, dass eine so kleine Gemeinde (30-40 Personen) ein eigenes Gotteshaus hatte. Die Ausstattung war sehr einfach: ein Schrein für die Thorarolle, das ewige Licht (ner tamid), Kupferbecken für die Handwaschung, Leuchter, Sabbatlampen, ein erhöhtes Holzpodest, ein kleiner Tisch und ein Pult für den Vorbeter.
Der kleinen Gemeinde reichte es nicht für eine eigene Schule. Die Heumann-Mädchen und Arthur Kaufmann gingen zur katholischen Volksschule, die meisten jüdischen Kinder, auch Betty und Walter Reis, zur evangelischen Volksschule.


Wassenberger Juden im III. Reich

Die rassistische Ideologie der NSDAP war verbrecherisch und setzte ihre Ziele rücksichtslos um.
Hatten Juden schon immer unter Benachteiligung und verbalen Beleidigungen zu leiden, so war ihre Lage nach der Machtübernahme Hitlers mit seiner NSDAP 1933 schlagartig verschlimmert.
Dies bekamen z.B. Walter und Betty Reis sofort zu spüren: Walter beschreibt, dass ihr Lehrer Paulussen ihnen vor der Hitlerzeit wohlgesonnen war, aber jetzt drangsalierte er die Kinder.
Zahlreiche Benachteiligungen hatten die Juden zu erleiden: Sie durften das Schwimmbad nicht mehr besuchen, waren im Kino und in den Lokalen unerwünscht, erhielten Berufsverbote und in Geschäften, die Juden gehörten, sollte nicht mehr eingekauft werden.
Das erste Wassenberger Opfer war Karl Hertz. Im April 1938 wurde er - weil er behindert war - als „nutzloser Mensch“ verhaftet und ins KZ Sachsenhausen deportiert. Am 24. Juni 1938 kam die Nachricht, er sei „auf der Flucht erschossen“ worden.

Für die jüdischen Familien herrschte bittere Armut. Heimlich und immer in Gefahr denunziert zu werden, haben andere Wassenberger Familien geholfen. Else Reis (die Mutter von Walter und Betty) dokumentiert dies in einem Band von Schillers Gesamtausgabe, das sie vor ihrer Deportation ihren Nachbarn als Dank für ihre gute Nachbarschaft schenkte.
Selbst der jüdische Friedhof blieb nicht unangetastet: Er wurde durch auswärtige Nazis geschändet.
Die Familien Reis und Heumann sowie Sibilla Kaufmann wurden 1942 deportiert und kamen bei der Deportation oder im KZ um. Die anderen jüdischen Familien tauchten unter, wurden gefasst und ermordet oder sind vermisst, genauso wie acht aus Wassenberg stammende Juden, die in der NS-Zeit nicht mehr in dieser Stadt wohnten. Besonders erschüttert hat mich das Schicksal der Familie Kaufmann. Sie tauchten in Köln unter, wurden von dort 1941 deportiert und Mutter Paula (39) mit ihren Kindern Rosalie (15) , Gertrud (5 Tage nach ihrem 14. Geburtstag) und Edith (9) wurden im KZ Kulmhof umgebracht. Das Schicksal des Vaters ist unbekannt.
Die Familie Schwarz konnte in den Niederlanden untertauchen und überlebte, wie auch Walter Reis, der am 17.3.39 die Ausreisegenehmigung erhielt und legal nach England ausreisen durfte.
In Wassenberg wurde das letzte jüdische Kind, Edith Kaufmann, am 30. März 1933 geboren:. Die letzte jüdische Beerdigung fand im Februar 1933 statt: Eva Heumann.
Die jüdische Gemeinde Wassenberg war ausgelöscht.

Erinnerungskultur an die Wassenberger Juden

Der Holocaust, die Vernichtung von ca. 6 Millionen Juden, sowie von Roma, Sinit und anderen „Systemfeinden“, ist als quasi industrieller Massenmord einmalig in der Geschichte der Menschheit. Die schrecklichen Ereignisse während der NS-Zeit müssen in Erinnerung bleiben, damit jede Generation lernt, dass sie dafür verantwortlich ist, dass Rassismus, Unterdrückung, Fremdenfeindlichkeit und Krieg nie mehr geschehen.

In den 1950er Jahren wurden die Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof – soweit vorhanden – wieder aufgestellt. „Storms Jätzke“ wurde in „Synagogengasse“ umbenannt.
Der Heimatverein brachte in der Synagogengasse und am jüdischen Friedhof Tafeln zur Erinnerung an die jüdischen Mitbürger an.
Hier möchte ich meinen Vorgängern im Heimatverein, Ludwig Essers und Karl-Heinz Geiser, herzlichen Dank aussprechen für ihren Einsatz zu diesem Thema, als es fast vergessen war.
Die Betty-Reis-Gesamtschule erinnert mit ihrem Namen an ein jüdisches Mädchen und begreift dies auch weiterhin als pädagogischen Auftrag.

Versöhnung – Walter Reis

Auch diese Gedenkstätte am Ort der alten Synagoge soll der Erinnerung dienen. Der Innenraum wird durch die Pflasterung dargestellt, die im Fußboden Steine der alten Synagoge enthält. Die gepflanzte Hecke symbolisiert die Außenmauern der Synagoge. Auch das Türgewände in der Mauer zur Synagogengasse stammt aus der Synagoge. Die Tafeln dienen der Information.

In Wassenberg gibt es weitere Gedenkstätten:


Schüler/-innen der Betty-Reis-Gesamtschule haben gemeinsam mit dem Heimatverein Wassenberg eine Route „Gegen das Vergessen“ erarbeitet.
Erinnerungskultur bedeutet, sich aktiv mit den Ereignissen auszusetzen. So sind die Besuche in den KZs Bergen-Belsen und Auschwitz Erinnerungsorte auch für Wassenberger. Lesungen, Ausstellungen, aber auch Stadtführungen beschäftigen sich mit dieser Thematik.

Im nächsten soll eine Ausstellung über das jüdische Leben zwischen Rhein und Maas gezeigt werden, zunächst in der Schule, dann im Bergfried.
Die vielen neuen Erkenntnisse über das jüdische Leben in Wassenberg sollen zu einem späteren Zeitpunkt zusammengefasst und veröffentlicht werden.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Geschäfts- und Spendenkonto des Heimatvereins Wassenberg e.V.:  
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