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Sänger: Karl Lieck

Heimatverein und Gäste bekamen beim geführten Rundgang Einblick in die Produktionsvorgänge der Polster Werkstätten. Das Unternehmen fertigt alles vor Ort. Von Nicole Peters 

Stadtgästeführer Walter Bienen; fon: 0176 4768 6020



(Termine der aktuellen Führungen sind im Jahresprogramm zu finden.)

1)  Stadtführung - Geschichte und Geschichten einer Stadt
Rundgang zu den religiösen und profanen Sehenswürdigkeiten der Stadt mit Besteigen des Bergfrieds

2)  Judenbruch und Marienhaus - Von der Sumpflandschaft zur Parklandschaft
Spaziergang durch den Stadtpark mit Besuch des Kapellendenkmals

3)  Stadtmauer und Wassergraben im Wandel der Zeit
Stadtrundgang entlang der mittelalterlichen Wehranlage, die stellenweise noch erhalten ist, bis hin zum Bergfried

4) Von Motte zu Motte
Eine Radtour zu den ehemaligen „Turmhügelburgen“ und der „Landwehr“ im Grenzgebiet zu den Niederlanden mit Einkehr in der Gitstapper Mühle, NL

5) Gebäude der Jahrhundertwende – Stadtrundgang
Aufsuchen von Stilmerkmalen des Jugendstils und der Gründerzeit an Gebäuden im Stadtgebiet

6)  Drei Jahre und ein Tag - Ein Wandergeselle kommt in eine mittelalterliche Stadt
Stadtrundgang zur Geschichte der Wandergesellen; Besteigen des Bergfrieds

7)  Panneschöpp

Ein Spaziergang zu den ehemaligen Kleikuhlen einer im 19. und 20. Jahrhundert existierenden Wassenberger Ziegelproduktionsstätte

 

Ortsgeschichte und die Stadt prägende Persönlichkeiten möchte Wassenberg in Straßennamen lebendig halten - etwa dem neuen Synagogenplatz oder dem Max-Graab-Weg. Die 40-Jahr-Frist nach Tod einer Persönlichkeit entfällt künftig. Von Angelika Hahn

Am 10. November 1938 stand die Wassenberger Synagoge in Flammen, auf deren Grundfläche wurde im November eine Gedenkstätte eröffnet. Der gesamte Bereich soll nach dem Willen des Rates nun Synagogenplatz heißen. FOTO: laaser (Archiv)
Am 10. November 1938 stand die Wassenberger Synagoge in Flammen, auf deren Grundfläche wurde im November eine Gedenkstätte eröffnet. Der gesamte Bereich soll nach dem Willen des Rates nun Synagogenplatz heißen. FOTO: laaser (Archiv)

Die neue Gedenkstätte an die Wassenberger Synagoge auf dem umgestalteten (Park-)Platz zwischen Synagogengasse und Roermonder Straße wird künftig auf dem "Synagogenplatz" liegen. Einstimmig entschied der Rat in seiner jüngsten Sitzung auf Vorschlag des Heimatvereins, dass dort eine Tafel mit einem "schmuckvollen Hinweis" den geschichtsträchtigen Ort ausweisen soll. Freilich nicht im Sinne einer "förmlichen Straßenbezeichnung".

Damit schließt sich die Stadt der bisherigen Gepflogenheit an, populären Plätzen, die offiziell eigentlich Straßenbezeichnungen tragen, Namen zu geben, "die sich aus dem gemeinschaftlichen Leben in den Ortschaften entwickelt haben", wie es die Verwaltung ausdrückte. Genannt wurde etwa der Sankhasplatz in Myhl (offiziell Schulstraße/St. Johannes-Straße).

Anders verhält es sich nach Meinung der Verwaltung mit dem Fußweg, der oberhalb des Synagogenplatzes verläuft. Auch für diesen Weg hatte sich der Heimatverein einen geschichtsträchtigen Namen gewünscht. Er sollte nach Max Graab benannt werden, der die Verbrennung der Wassenberger Synagoge mutig und offen kritisiert hatte und dafür ins Gefängnis gekommen war. Knackpunkt bei dieser Anregung: Es handelt sich nicht um einen Weg, der im Kataster erfasst ist, nach dem sich Feuerwehr, Rettungs- und Katastrophenschutzdienste (und Navigationssysteme) richten. Die beantragte Wegebenennung bekäme aber einem offiziellen Anstrich, was im Ernstfall zu Missverständnissen und Orientierungsproblemen von Einsatzkräften führen könne, erläuterte Stadtkämmerer Willibert Darius. Nachdem das Thema bereits im Kultur- und Sportausschuss vertagt worden war, entspann sich nun im Rat noch einmal eine längere Diskussion.

Frank Winkens und Peter Weyermanns (CDU) konnten die Einwände der Verwaltung nachvollziehen. Schließlich einigte man sich auf einen Kompromiss: Auch hier soll eine nicht mit einem offiziellen Straßenschild zu verwechselnde Tafel auf Max Graab und seine mutige Rolle in der NS-Zeit hinweisen. Peter Weyermanns und Bürgermeister Manfred Winkens hatten zuvor die Frage gestellt, ob eine solche Regelung eine Flut von Bürgeranträgen auf informelle Bezeichnungen von Spazier- und Feldwegen mit heimatkundlichem Anstrich nach sich ziehen könnte. Die Mehrheit im Rat sah diese Gefahr allerdings nicht. Immerhin gab es drei Gegenstimmen und zwei Enthaltungen bei dem Beschluss.

Auch Grundsätzliches zur Benennung von Straßen nach stadtgeschichtlich bedeutenden Personen war vom Fachausschuss in den Rat vertagt worden. Der Heimatverein hatte beantragt, die im Jahr 2000 vom Stadtrat festgelegte Frist von 40 Jahren nach Tod einer Persönlichkeit bei Straßenbebennungen auf drei Jahre zu verkürzen.

Damit könnten vor allem anerkannte verdiente (Ehren-)Bürger der Stadt - beispielhaft waren die Namen Heribert Heinrichs und Hanns Heidemanns in der Diskussion genannt worden - früher mit Straßennamen gewürdigt werden. Die CDU hatte im Ausschuss für zehn Jahre plädiert, ein SPD-Antrag nannte fünf Jahre.

Die Verwaltung hatte mit Blick auf die Gepflogenheiten anderer Städte sinnvolle Hinweise für eine Entscheidungsfindung zusammengestellt: Durch Straßennamen sollten verstorbene Personen (aber ohne bestimmte Frist) gewürdigt werden, "wenn ihr Geschichtsbild nach Persönlichkeit, Verhalten und Nachwirkung abgeklärt ist und überwiegend positiv bewertet wird". Angehörige dieser Personen sollten gegebenenfalls vorher gehört werden.

Sprecher von CDU (Karl-Heinz Dohmen), SPD (Hermann Thissen) und Grünen (Robert Seidl) hielten diesen Weg für sinnvoll und rückten von den vorliegenden Befristungsvorschlägen ab. Einstimmig beschloss der Rat dann, bei Straßenbenennungen künftig ganz auf eine Vorgabe zu verzichten, wie lange der Todestag einer Persönlichkeit zurückliegen muss.

INFO

Wegname erinnert an mutige Person

Der Weg von der Kurve in der Synagogengasse bis zur Burgauffahrt soll mit einem besonderen Schild als Max-Graab-Weg bezeichnet werden. Heimatvereinsvorsitzender Sepp Becker schreibt im Antrag des Heimatvereins an den Rat über Graab: "Max Graab hat am 10. November 1938 im Zusammenhang mit der Pogromnacht und dem Abbrennen der Synagoge Zivilcourage bewiesen, indem er durch Zurufe auf dieses abscheuliche Verbrechen hingewiesen hat. Dafür musste er ins Gefängnis."

Quelle: RP vom 6.4.2016

Namen für Weg und Platz an Gedenkstätte (Heinsberger Zeitung vom 18.3.2016)

Heribert Heinrichs - Einer schritt ein  (HK HS 1997 Seite 137)

 


Max Graab - Kämpfer gegen NS-Unrecht

Wassenberg benennt einen Weg nahe dem Standort der früheren Synagoge unterhalb der Burg nach Max Graab. Furchtlos stellte sich Graab nicht nur nach der Zerstörung der Synagoge den Nazis gegenüber. Von Willi Spichartz

Die Geschichte jüdischen Lebens, die Geschichte der Juden in Wassenberg auch unter der Nazi-Gewaltherrschaft ist recht gut dokumentiert, sie ist öffentlich sichtbar und wird lebendig gehalten. Dafür sorgen in erster Linie der Heimatverein und die nach dem von den Nazis ermordeten Wassenberger Mädchen Betty Reis benannte örtliche Gesamtschule. Der rassistischen Todesideologie der Nazis fielen auch die meisten Wassenberger Juden zum Opfer. Es gab aber auch Zeichen von Erkenntnis und Widerstand - und dafür steht besonders der Name Max Graab.

Das jüdische Mädchen Betty Reis wurde im KZ ermordet. FOTO: archiv Heimatverein
Das jüdische Mädchen Betty Reis wurde im KZ ermordet. FOTO: archiv Heimatverein

27 in Wassenberg lebende oder geborene Juden wurden von der NS-Diktatur ermordet, ans Messer geliefert, auch von den örtlichen Nazi-"Größen", die Professor Dr. Heribert Heinrichs in seinem 1987 erschienenen Standardwerk "Wassenberg - Geschichte eines Lebensraums" mit vollen Namen nennt, 1987 noch lange nicht überall üblich.

Nationalsozialisten zeigten sich auf praktisch allen Ebenen als Destruktive Persönlichkeiten, (Psychologe Erich Fromm) radikalisierte Klein- und Kleinstbürger in Herrenmenschen-Manier - das verzeichnete man auch in Wassenberg. Sie zählten sich selbst zu den Ortshonoratioren, die sich vom alles durchdringenden Gewaltstaat willig zu aggressivem Handeln auffordern ließen.

Max Graab kritisierte offen das Unrecht der Nazis. FOTO: archiv Heimatverein
Max Graab kritisierte offen das Unrecht der Nazis. FOTO: archiv Heimatverein

"Ihr seid Verbrecher! Ihr seid Gotteslästerer! Glaubt nur, dass Euch das eines Tages heimgezahlt wird! Der Gott der Juden ist auch unser Gott!" - Schneidende Worte, wie sie am 10. November 1938 in Deutschland wohl kaum zu hören waren, wurden in Wassenberg den braunen Brandstiftern der jüdischen Synagoge entgegengeschleudert von Max Graab. Einem Wassenberger, der vorher bereits "furchtlos von Mann zu Mann" mit den örtlichen Nazigrößen wie Bürgermeister Julius Grünweller, so Heribert Heinrichs, diskutiert hatte.

Am Morgen des 10. November hatten die Orts-Nazis das nachvollzogen, was am Abend zuvor als "Reichskristallnacht" mit Brandstiftung der Synagogen, Misshandlungen und Totschlag an Juden begonnen hatte. In Wassenberg kommandierte am Abend des 9. November Grünweller seine SS zu den Häusern der Juden ab zur Suche nach "Waffen", die Bewohner wurden geprügelt und schwer misshandelt. "Wassenberger standen dabei oder machten die Augen zu", urteilt Autor Heribert Heinrichs.

Umstehende hatten Max Graab vor Konsequenzen seiner ehrlichen Äußerungen gewarnt - tatsächlich wurde er Tage später verhaftet und für sechs Wochen in ein Aachener Gefängnis gebracht. Heimgekehrt, zeigte er sich umso kompromissloser in seiner Haltung gegen die Nazis seiner Heimatstadt.

Vater Willy Reis und Tochter Betty, sie in Solingen, kamen aus ihrer Haft schwerstverletzt und gebrochen nach Hause. Alle Wassenberger Juden waren festgenommen und nach Heinsberg gebracht worden. "Endlich ist Wassenberg judenrein!" Die "schwarzen Rowdys" (Heinrichs) jubelten.

Im Jahr 1321 ist der erste Wassenberger Jude genannt, mehr als 1000 Jahre zuvor hatten unter anderem die römischen Besatzer sie aus ihrer Heimat Palästina in ihr Reich bis nach Europa zerstreut und/oder als Sklaven verkauft. Immer wieder künden Dokumente über Jahrhunderte davon, dass Juden in Wassenberg lebten. Vor allem im 19. und 20. Jahrhundert waren sie selbstverständlicher Teil der Ortsgesellschaft, beteiligten sich an Vereinen und gesellschaftlichen Veranstaltungen.

Schon in der Mainacht 1934 war Max Graab als aktiver Nazi-Gegner aufgetreten, als er handgreiflich die Wassenberger Lieder singenden Pfadfinder gegen die örtlichen NS-Leiter mit Carl Meyer an der Spitze verteidigte, denen der christliche Jugendverband schon länger missfiel. Max Graab war nicht allein, mit weiteren Bürgern wurden die Nazis zurückgeschlagen, erst der herbei telefonierte Bürgermeister rettete seine Paladine vor dem völligen k.o., schreibt Heinrichs nach Zeugenaussagen.

Von den Wassenberger Juden überlebten den Holocaust Betty Reis' Bruder Walter, der nach England und Kanada fliehen konnte, und Max Hertz, der 1984 mit 101 Jahren in München starb. Auf dem Wassenberger Judenfriedhof erinnert ein Ahorn-Baum an den 2005 im Alter von 85 Jahren verstorbenen Walter Reis, der auf seinem Grundstück im kanadischen Toronto aufgewachsen ist.

An Max Graab erinnert in Kürze ein nach ihm benannter Wegteil an der ehemaligen Synagoge unterhalb des Bergfrieds an der neu geschaffenen Gedenkanlage.

2015 wurde die neue Gedenkstätte am Ort der früheren Wassenberger Synagoge an der Synagogengasse eröffnet. Der gepflasterte Bereich und Reste der Mauer kennzeichnen die Stelle des jüdischen Gebetshauses. Eine Tafel erinnert an die von den Nazis ermordeten und überlebenden jüdischen Mitbürger. FOTO: Jürgen Laaser
2015 wurde die neue Gedenkstätte am Ort der früheren Wassenberger Synagoge an der Synagogengasse eröffnet. Der gepflasterte Bereich und Reste der Mauer kennzeichnen die Stelle des jüdischen Gebetshauses. Eine Tafel erinnert an die von den Nazis ermordeten und überlebenden jüdischen Mitbürger. FOTO: Jürgen Laaser

Quelle: RP vom 28. Juli 2016

 

Rede des Heimatvereinsvorsitzenden, Sepp Becker, anlässlich der Eröffnung der Gedenkstätte am Synagogenplatz in Wassenberg am 10.11.2015

Sehr geehrte Damen und Herren,

der 9. November, der gestrige Tag also, ist ein besonderer, ein schicksalhafter Tag für Deutschland. Innerhalb von 71 Jahren ist dieser Tag im vorigen Jahrhundert viermal prägend für die deutsche Geschichte:
1918: Ausrufung einer demokratischen Republik
1923: Niederschlagung des Hitlerputsches in München
1938: Reichspogromnacht
1989: Öffnung der Berliner Mauer

Der Bezugstag für unsere heutige Feier ist die Reichspogromnacht am 9./10. November. 1938 erschießt ein junger jüdischer Mann einen deutschen Botschaftsmitarbeiter in Paris. Durch einen von den Nazis organisierten Pogrom wurden im deutschen Reich die Synagogen in Brand gesetzt, jüdische Geschäfte und Häuser demoliert und ausgeraubt, jüdische Menschen festgenommen und Männer ins KZ gesteckt.
In Wassenberg ist diese abscheuliche Aktion erst am nächsten Morgen durchgeführt worden – heute genau vor 77 Jahren, angeführt von zwei Wassenberger Nazis.

Die kleine Synagoge wurde beraubt und in Brand gesetzt, die jüdischen Frauen, Männer und Kinder im Keller des Rathauses inhaftiert. Das Mobiliar der Familie Benjamin zerschlagen. Einige jüdische Männer – Willi Reis und Bernhard Kaufmann - kamen ins KZ und kehrten später als gebrochene Menschen zurück.
Bei dieser Aktion hier in dieser Gasse gab es den mutigen Auftritt von Max Graab, der den Naziakteuren sinngemäß zurief: „Ihr Verbrecher! Ihr seid Gotteslästerer! Glaubt nur, dass euch das eines Tages heimgezahlt wird. Der Gott der Juden ist auch unser Gott.“ Das war beispielhafte Zivilcourage und kostete ihn einen Gefängnisaufenthalt.
Schulkinder wurden hierher in diese Gasse geführt und ihnen wurde die sogenannte „spontane Aktion des Volkes“ gezeigt und anschließend die festgesetzten Juden im Keller des Rathauses.

Seit wann gab es damals in Wassenberg eine kleine jüdische Gemeinde mit einer kleinen Synagoge?

1321, zu einer Zeit, als Wassenberg bereits seit ca. 50 Jahren Stadtrechte besaß, wird der Jude „Alexander“ sowie einige Jahre später das Judenbruch urkundlich erwähnt. Den jüdischen Friedhof gibt es seit 1688.
Aus dieser Zeit wissen wir nur wenig aus Wassenberg, aber Juden lebten hier in dieser kleinen Stadt. Es ist bekannt, dass die jüdische Bevölkerung in Europa immer wieder Nachstellungen und Pogromen ausgesetzt war. In anderen Zeiten erlebten sie auch Hochphasen – wenn sie für Schutzbriefe Geld zahlten.
Volles Bürgerrecht erhielten sie, als das Rheinland zu Frankreich kam. 1808 lebten in Wassenberg und Birgelen 42 jüdische Personen. Mit dem Fortfall der alten Judengesetze und der Berufsverbote verbesserte sich die Lebenssituation etwas. Viele waren jedoch sehr arm. Sie blieben meist weiterhin in den traditionellen Berufen tätig. Die auf dem Land lebenden Juden waren in der Regel Handwerker oder Händler: Metzger, Viehhändler, Schneider oder Hausierer. In Wassenberg kam der Beruf der Hutmacherin dazu.
Bis 1840 hatten die deutschen Juden in den kleinen und verstreut liegenden Gemeinden große Probleme ihr religiöses Leben zu organisieren. In der Zeit zwischen 1840 und 1870 kam es zu einer Blüte für die jüdischen Landgemeinden; zahlreiche kleinere Synagogen entstanden, so auch die Wassenberger Synagoge im Jahr 1867 (siehe Tafel). Das Gebäude war kein auffälliges oder gar architektonisch wertvolles Bauwerk.
Es folgte eine Zeit, die für die jüdische Gemeinde die angenehmste in ihrer Geschichte war: die Rechtsgleichheit aller Bürger, die Ausübung ihrer Religion im eigenen Gotteshaus, manchmal ein bescheidener Wohlstand, die Teilnahme am öffentlichen Leben waren problemlos. Dies zeigte sich auch daran, dass jüdische Familien in Wassenberg an Brauchtumsfeiern wie Vogelschuss, Kirmes und Veranstaltungen am 1. Mai teilnahmen. Karl Hertz und sein Schwager Willy Reis waren im 1. Weltkrieg deutsche Soldaten. Der Synagogenvorsteher Simon Heumann war eine angesehene Person im Ort und Mitbegründer des 1897 gegründeten Heimatvereins.
Das religiöse Leben wurde hauptsächlich in den Familien gepflegt und in den Gottesdiensten in der kleinen Synagoge. Es ist bemerkenswert, dass eine so kleine Gemeinde (30-40 Personen) ein eigenes Gotteshaus hatte. Die Ausstattung war sehr einfach: ein Schrein für die Thorarolle, das ewige Licht (ner tamid), Kupferbecken für die Handwaschung, Leuchter, Sabbatlampen, ein erhöhtes Holzpodest, ein kleiner Tisch und ein Pult für den Vorbeter.
Der kleinen Gemeinde reichte es nicht für eine eigene Schule. Die Heumann-Mädchen und Arthur Kaufmann gingen zur katholischen Volksschule, die meisten jüdischen Kinder, auch Betty und Walter Reis, zur evangelischen Volksschule.


Wassenberger Juden im III. Reich

Die rassistische Ideologie der NSDAP war verbrecherisch und setzte ihre Ziele rücksichtslos um.
Hatten Juden schon immer unter Benachteiligung und verbalen Beleidigungen zu leiden, so war ihre Lage nach der Machtübernahme Hitlers mit seiner NSDAP 1933 schlagartig verschlimmert.
Dies bekamen z.B. Walter und Betty Reis sofort zu spüren: Walter beschreibt, dass ihr Lehrer Paulussen ihnen vor der Hitlerzeit wohlgesonnen war, aber jetzt drangsalierte er die Kinder.
Zahlreiche Benachteiligungen hatten die Juden zu erleiden: Sie durften das Schwimmbad nicht mehr besuchen, waren im Kino und in den Lokalen unerwünscht, erhielten Berufsverbote und in Geschäften, die Juden gehörten, sollte nicht mehr eingekauft werden.
Das erste Wassenberger Opfer war Karl Hertz. Im April 1938 wurde er - weil er behindert war - als „nutzloser Mensch“ verhaftet und ins KZ Sachsenhausen deportiert. Am 24. Juni 1938 kam die Nachricht, er sei „auf der Flucht erschossen“ worden.

Für die jüdischen Familien herrschte bittere Armut. Heimlich und immer in Gefahr denunziert zu werden, haben andere Wassenberger Familien geholfen. Else Reis (die Mutter von Walter und Betty) dokumentiert dies in einem Band von Schillers Gesamtausgabe, das sie vor ihrer Deportation ihren Nachbarn als Dank für ihre gute Nachbarschaft schenkte.
Selbst der jüdische Friedhof blieb nicht unangetastet: Er wurde durch auswärtige Nazis geschändet.
Die Familien Reis und Heumann sowie Sibilla Kaufmann wurden 1942 deportiert und kamen bei der Deportation oder im KZ um. Die anderen jüdischen Familien tauchten unter, wurden gefasst und ermordet oder sind vermisst, genauso wie acht aus Wassenberg stammende Juden, die in der NS-Zeit nicht mehr in dieser Stadt wohnten. Besonders erschüttert hat mich das Schicksal der Familie Kaufmann. Sie tauchten in Köln unter, wurden von dort 1941 deportiert und Mutter Paula (39) mit ihren Kindern Rosalie (15) , Gertrud (5 Tage nach ihrem 14. Geburtstag) und Edith (9) wurden im KZ Kulmhof umgebracht. Das Schicksal des Vaters ist unbekannt.
Die Familie Schwarz konnte in den Niederlanden untertauchen und überlebte, wie auch Walter Reis, der am 17.3.39 die Ausreisegenehmigung erhielt und legal nach England ausreisen durfte.
In Wassenberg wurde das letzte jüdische Kind, Edith Kaufmann, am 30. März 1933 geboren:. Die letzte jüdische Beerdigung fand im Februar 1933 statt: Eva Heumann.
Die jüdische Gemeinde Wassenberg war ausgelöscht.

Erinnerungskultur an die Wassenberger Juden

Der Holocaust, die Vernichtung von ca. 6 Millionen Juden, sowie von Roma, Sinit und anderen „Systemfeinden“, ist als quasi industrieller Massenmord einmalig in der Geschichte der Menschheit. Die schrecklichen Ereignisse während der NS-Zeit müssen in Erinnerung bleiben, damit jede Generation lernt, dass sie dafür verantwortlich ist, dass Rassismus, Unterdrückung, Fremdenfeindlichkeit und Krieg nie mehr geschehen.

In den 1950er Jahren wurden die Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof – soweit vorhanden – wieder aufgestellt. „Storms Jätzke“ wurde in „Synagogengasse“ umbenannt.
Der Heimatverein brachte in der Synagogengasse und am jüdischen Friedhof Tafeln zur Erinnerung an die jüdischen Mitbürger an.
Hier möchte ich meinen Vorgängern im Heimatverein, Ludwig Essers und Karl-Heinz Geiser, herzlichen Dank aussprechen für ihren Einsatz zu diesem Thema, als es fast vergessen war.
Die Betty-Reis-Gesamtschule erinnert mit ihrem Namen an ein jüdisches Mädchen und begreift dies auch weiterhin als pädagogischen Auftrag.

Versöhnung – Walter Reis

Auch diese Gedenkstätte am Ort der alten Synagoge soll der Erinnerung dienen. Der Innenraum wird durch die Pflasterung dargestellt, die im Fußboden Steine der alten Synagoge enthält. Die gepflanzte Hecke symbolisiert die Außenmauern der Synagoge. Auch das Türgewände in der Mauer zur Synagogengasse stammt aus der Synagoge. Die Tafeln dienen der Information.

In Wassenberg gibt es weitere Gedenkstätten:


Schüler/-innen der Betty-Reis-Gesamtschule haben gemeinsam mit dem Heimatverein Wassenberg eine Route „Gegen das Vergessen“ erarbeitet.
Erinnerungskultur bedeutet, sich aktiv mit den Ereignissen auszusetzen. So sind die Besuche in den KZs Bergen-Belsen und Auschwitz Erinnerungsorte auch für Wassenberger. Lesungen, Ausstellungen, aber auch Stadtführungen beschäftigen sich mit dieser Thematik.

Im nächsten soll eine Ausstellung über das jüdische Leben zwischen Rhein und Maas gezeigt werden, zunächst in der Schule, dann im Bergfried.
Die vielen neuen Erkenntnisse über das jüdische Leben in Wassenberg sollen zu einem späteren Zeitpunkt zusammengefasst und veröffentlicht werden.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.


 

Bilder der Eröffnungsveranstaltung

Foto: Leo Stassny
Foto: Leo Stassny
Foto: Leo Stassny
Foto: Leo Stassny
Foto: BeSe
Foto: BeSe
Foto: BeSe
Foto: BeSe
Foto: BeSe
Foto: BeSe
Foto: BeSe
Foto: BeSe
Foto: BeSe
Foto: BeSe
Foto: BeSe
Foto: BeSe

 

Einladung

Gestaltung des neuen Synagogenplatzes

 

An jüdisches Leben in der Stadt erinnern

Heimatvereinsvorsitzender Sepp Becker hält am früheren Standort der Synagoge die Gedenkrede zur Eröffnung der Erinnerungsstätte. Der Betty-Reis-Projektchor gestaltete die Feier musikalisch. FOTO: Jürgen Laaser
Heimatvereinsvorsitzender Sepp Becker hält am früheren Standort der Synagoge die Gedenkrede zur Eröffnung der Erinnerungsstätte. Der Betty-Reis-Projektchor gestaltete die Feier musikalisch. FOTO: Jürgen Laaser

Gestern vor genau 77 Jahren wurde die Wassenberger Synagoge von Nazis in Brand gesetzt und zerstört. Eine Gedenkstätte am Ort des Geschehens erinnert jetzt an das Leben und Schicksal der Wassenberger Juden. Von Angelika Hahn

Die hässliche Brachfläche in Wassenbergs Ortskern gehört nach dem Neubau des Praxishauses Beckers und der ansprechenden Gestaltung des dahinter anschließenden Platzbereiches der Vergangenheit an. Vor allem aber findet durch die Umgestaltung der Standort der früheren Synagoge entlang der Mauerreste an der Synagogengasse nun eine angemessene Gestaltung als Gedenkstätte.

Gestern wurde unter großer Anteilnahme vieler in dieser Sache engagierter Bürger und historisch Interessierter aus dem weiten Umkreis die vom Wassenberger Heimatverein initiierte Gedenkstätte ihrer Bestimmung übergeben.

Am Tag genau vor 77 Jahren, dem Morgen nach der Reichspogromnacht, war das Gotteshaus von Nazis in Brand gesetzt und dem Erdboden gleich gemacht worden. Bestürzend nah ging das gestern durch die Schilderungen der beiden Zeitzeugen Karl Lieck ("Es rauchte noch") und Karl-Heinz Geiser vom Heimatverein, denen damals als Schüler "stolz" das Zerstörungswerk vorgeführt wurde. Dann wurden die Kinder zu den Gefängniszellen ans Alte Rathaus geführt, wo die Kinder zu Schmährufen gegen die dort einsitzenden Juden angestachelt wurden.

Die Stadt ließ die Grundfläche des kleinen Gebetshauses nun pflastern, integriert sind einige wenige Steine der Synagoge, deren Umrisse von einer Hecke angedeutet werden. Auf der Mauer erinnern Tafeln, an deren Texten neben dem Heimatverein auch Schüler(innen) der Betty-Reis-Gesamtschule mitgearbeitet haben, an die Wassenberger Juden im Dritten Reich, an jüdisches Leben in der Stadt und die Biografien der ermordeten Wassenberger Juden.

Zur Feierstunde begrüßte Bürgermeister Manfred Winkens in seiner langen Liste der Gäste besonders Mitglieder der Familien Latour und Graab, die mit dem jüdischen Leben in der Stadt in besonderer Verbindung stehen. So erinnerte Heimatvereinsvorsitzender Sepp Becker in seiner Rede an Max Graabs mutigen Protest nach dem Synagogenbrand. Graab wetterte gegen die Nazis als "Verbrecher" und "Gotteslästerer" und landete natürlich im Gefängnis.

Becker gab einen interessanten Abriss jüdischer Geschichte in Wassenberg. 1321 wurde zum ersten Mal urkundlich ein jüdischer Stadtbürger erwähnt, seit 1699 gebe es den jüdischen Friedhof. 1808 lebten 42 jüdische Bürger in Wassenberg und Birgelen. Die Zeit zwischen 1840 und 1879 nannte Becker eine Blütezeit jüdischen Lebens in den Landgemeinden, es entstanden Synagogen, wie 1867 die in Wassenberg. Juden waren aktiv im Gemeindeleben. Synagogenvorsteher Simon Heumann etwa gehörte 1897 zu den Mitgründern des Heimatvereins. In der NS-Zeit der radikale Wandel: Juden, so Becker, durften nicht ins Schwimmbad oder Kino, waren in Lokalen unerwünscht, in ihren Geschäften sollte nicht eingekauft werden. Karl Hertz war das erste Wassenberger Opfer, das ins KZ (Sachsenhausen) deportiert wurde. Auch an weitere jüdische Familien, auf die Becker einging, erinnern die neuen Gedenktafeln.

Allen voran spielt das Schicksal der Familie Reis eine Rolle, zumal Betty Reis' Bruder Walter (gestorben 2005) als nach Kanada ausgewanderter Holocaust-Überlebender spät wieder Kontakt und Zugang zu seiner Heimatstadt fand, mit der er zunächst nie wieder etwas zu tun haben wollte. Sepp Becker erinnerte daran und an die Begegnung von Reis mit den Jugendlichen der Gesamtschule, die ihn umstimmten. Seine Witwe hält bis heute Kontakt nach Wassenberg und zur Betty-Reis-Gesamtschule, deren Projektchor die Feierstunde gestern mitgestaltete.

Quelle: RP vom 11.11.2015

GEDENKEN

Geplant: eine Route gegen das Vergessen

Ahornpflanzung: Die pensionierte Didaktische Leiterin der Betty-Reis-Gesamtschule, Barbara Kaiser, war gestern auch bei der Feierstunde. Sie brachte den Schössling des Ahornbaums, der an der Gedenkstätte gepflanzt wurde, 2001 von einem Kanada-Besuch bei Walter Reis mit und pflanzte ihn in ihren Garten. Jetzt freut sie sich über den neuen Standort.

Vorhaben: Erwähnt wurden gestern weitere Gedenkorte in der Stadt, etwa der Jüdische Friedhof, die Stolpersteine oder der (gebrochene) Gedenkstein an Betty Reis in der Gesamtschule, dessen zweite Hälfte in Bergen-Belsen steht. Jetzt erarbeiten der Heimatverein und Jugendliche der Gesamtschule eine "Route gegen das Vergessen" in Wassenberg, und für 2016 ist eine Ausstellung über jüdisches Leben in Wassenberg geplant.


Gedenkstätte und Mahnmal zugleich (Heinsberger Zeitung vom 11.11.2015)

Gedenkstätte erinnert an jüdisches Leben (Wassenberg Aktuell vom 6.12.2015)

Geschäfts-, Fahrten- und Spendenkonto des Heimatvereins Wassenberg e.V.:  
Kreissparkasse Heinsberg ● IBAN DE03 3125 1220 0002 2043 60 ●  BIC WELADED1ERK