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Sänger: Karl Lieck

Wassenberg1420

 

Nur noch wenige Spuren jüdischen Lebens in Wassenberg

Im Heimatverein Wassenberg ist ein Arbeitskreis aktiv, der die Spurensuche ehemaligen „jüdischen Lebens“ betreibt. Der Verdienst der Mitglieder zur Aufklärung spiegelt sich auch wider in der Broschüre „Historischer Altstadtrundweg“ der Stadt Wassenberg. So gehören die Standorte der ehemaligen Synagoge wie des jüdischen Friedhofs als Stationen zum historischen Altstadtrundweg.

„In Wassenberg gibt es heute keine jüdischen Mitbürger mehr. Die meisten Wassenberger Juden sind in Konzentrationslagern umgekommen. Betty Reis, unsere Wassenberger ,Anne Frank‘, ist im Konzentrationslager Bergen-Belsen ermordet worden“, beschreibt Sepp Becker, Vorsitzender des Heimatvereins Wassenberg, den „Früher und Heute-Zustand“ am Beispiel der Familie Reis. Mit dem Namen Reis kann exemplarisch das Schicksal der ehemaligen jüdischen Mitbürger in Wassenberg aufgezeigt werden.

Das Buch „Wassenberg – Geschichte eines Lebensraumes“ von Heribert Heinrichs widmet der Autor „dem Andenken des ermordeten jüdischen Wassenberger Mädchens Betty Reis, stellvertretend für die Vernichtung der jüdischen Mitbürger Wassenbergs“.

Auf Seite 423 bis 432 beschreibt er jüdisches Leben, von den Anfängen (beurkundet 1321) bis zu den letzten Lebenszeichen um 1942 und was aus der kleinen jüdischen Gemeinde wurde, die 1937 genau 27 Mitglieder stark war. Sowohl Heinrichs wie auch Karl Lieck in der Broschüre „Walter Reis – Kindheit und Jugend“ stützen sich auf Tonbandprotokolle von Walter Reis (1920–2005), dem Bruder von Betty Reis. Walter Reis überlebte als einziger seiner Familie den Holocaust.

Das ehemalige Wohnhauses der Familie Reis. Repro/Foto: Bindels

Wer sich auf die Spurensuche des ehemaligen jüdischen Lebens begibt, findet nur noch wenige Anhaltspunkte. Selbst das Wohnhaus der Familie Reis (In der Brühl/ Brühlstraße 40) wurde vor einigen Jahren abgerissen. So ist der jüdische Friedhof gegenüber dem neuen Rathaus zumindest ein Wegweiser in Bezug auf die Namen der jüdischen Familien, die in Wassenberg gelebt haben.

An der Stelle des ehemaligen Wohnhauses der Familie Reis (links) existiert heute nur noch eine Baulücke. Repro/Foto: Bindels

Die Familie Reis (Vater Willy Reis, 1880-1944; Mutter Else Reis, geborene Hertz, 1882-1944, Betty und Walter) war verwandt mit der Familie Hertz. Else Reis‘ Bruder, Karl Hertz (1886-1938), kam schon im Mai 1938 im KZ Sachsenhausen unter mysteriösen Umständen ums Leben. Ein weiterer Bruder, Max Hertz (1883- 1984), überlebte im KZ Theresienstadt und wurde zu seinem 100. Geburtstag (1983)von der Stadt Wassenberg durch den damaligen Ortsvorsteher Karl-Heinz Geiser in München geehrt.

Weitere Familiennamen, die auch auf den Grabsteinen zu finden sind, sind die der Familie Jakob und Sarah Heumann (1854-1944) sowie der ihrer Töchter Berta (1888-1944) und Adele (1891-1944), die neben dem Roßtor (ehemals im Haus 246) lebten und ein Hutgeschäft führten. Simon Heuman, Textilkaufmann, lebte mit seiner Familie an der Ecke Roermonderstraße/Synagogengasse.

Neben dem Friedhof ist die Synagoge, die im Zuge der „Kristallnacht-Ereignisse“ zerstört wurde, zumindest mit ihrem ehemaligen Standort (Synagogengasse) sicher zu benennen. Zeitzeugen haben eine Zeichnung gefertigt. In seinem Buch „Die Synagoge in Wassenberg“ beschreibt Dr. Paul Gotzen allerdings ein denkbar anderes Aussehen. Heute weist eine Tafel an den Mauerresten in der Synagogengasse auf den ehemaligen Standort hin.

In der Broschüre von Walter Reis „Kindheit und Jugend“ lässt das Tonbandprotokoll den Leser die Zeit nachempfinden, in der von den Alltagssorgen, der Isolation der Kinder Walter und Betty, der Angst und der Erwerbslosigkeit des Vaters Willy ab 1933 in der Familie Reis berichtet wird.

„In Wassenberg ist gerade mit der Nachbarschaftshilfe Zivilcourage gezeigt worden, die der Familie Reis das Überleben sichern half“, erklärt Sepp Becker. Kurz bevor die Familie Reis in die KZ-Lager verbracht wurde, habe Else Reis als Dank für die langen Jahre der Unterstützung eine „Schiller-Ausgabe“ den Nachbarn überreicht. Als Widmung hatte sie geschrieben: „Allen Nachbarn möchte ich zum Andenken an gute Nachbarschaft eine Freude machen. So auch dir Theo. Frau Reis am 15. Mai 1941“. Das Buch ist im Wassenberger Rathaus in einer Vitrine ausgestellt. (jb)

 

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