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Kategorie: Arbeitskreise
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Jüdischer Friedhof an der Roermonder Straße wird unter Denkmalschutz gestellt. Anfänge der Gemeinde reichen bis ins Mittelalter zurück.

Wassenberg. Der jüdische Friedhof in Wassenberg an der Roermonder Straße (gegenüber dem Rathaus) wird unter Denkmalschutz gestellt. Dafür hat sich einstimmig der Kulturausschuss des Wassenberger Stadtrates ausgesprochen.

Im vergangenen Jahr hatte eine Kommission des Rheinischen Amtes für Denkmalschutz den Friedhof besucht und war zu dem Ergebnis gekommen, dass er ein Baudenkmal im Sinne des Landesgesetzes und bedeutend für Wassenberg ist.

Wie aus dem Buch „Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen“ von Elfi Pracht hervorgeht, reichen die Ursprünge der kleinen jüdischen Gemeinde von Wassenberg bis ins Mittelalter zurück. Der in Köln wohnende Alexander von Wassenberg zählte 1321 zu den Gläubigern von St. Andreas. Der heutige Wassenberg Stadtpark, eine im 19. Jahrhundert kultivierte Waldlandschaft, hieß von alters her Judenbruch. 

Möglicherweise hat Vinzenz von Moers 1450 den Wassenberger Juden das Gelände für viel Geld verpachtet. Seit 1324 ist die Bezeichnung Judenbruch überliefert. Möglicherweise befand sich im Judenbruch auch der erste jüdische Begräbnisplatz.

Die jüdische Gemeinde Wassenbergs war immer recht klein und umfasste auch im 19. Jahrhundert nicht mehr als 40 Personen. 1867 wurde eine Synagoge errichtet, die 1938 niedergebrannt wurde. 1688 wurde der Friedhof Roermonder Straße angelegt, damals noch vor den Toren der Stadt. Die letzte Bestattung fand wohl 1933 statt. 1939 erwarb die Gemeinde Wassenberg den Friedhof und gab ihn 1953 bis auf ein Reststück an die Jewish Trust Corporation zurück.

Alte Grabsteinreihen auf dem gepflegten und idyllischen jüdischen Friedhof in Wassenberg an der Roermonder Straße. Foto: W.Erdweg

Der Friedhof liegt leicht erhöht über der Straße und ist zu dieser durch ein Mäuerchen mit Portalpfeilern, die ein altes Eingangstor mit neugotischen Motiven rahmen, eingefriedet. Dahinter erreicht man über mehrere Stufen eine Rasenfläche.

Die erhaltenen Grabsteine sind in zwei bis drei Reihen längs einer gedachten Mittelachse aufgestellt. Es handelt sich um 17 Steine, von denen einige noch dem 19. Jahrhundert angehören. Die jüngste Bestattung ist wohl jene von Eva Heumann, gestorben 10. Februar 1933. 

Außerdem sind etwas abseits der Steine ein Gedenkstein der Stadt Wassenberg (Inschrift: „Friedhof der Jüdischen Gemeinde Wassenberg/Synagoge der Jüdischen Gemeinde Wassenberg, zerstört 10. November 1938“) und ein Grab-/Gedenkstein, den der nach Kanada emigrierte Walter Reis 1992 für seine in Bergen-Belsen ermordete Schwester Betty und seine Großeltern Jacob und Johanna Hertz stiftete (Bildhauer: Ernst Brockschneider), aufgestellt.

Walter Reis' Name wurde nach seinem Tod 2005 zugefügt. Der Stein steht im Schatten eines Kanadischen Ahorns, der auf dem Grundstück von Walter Reis in Kanada gewachsen ist.

Dr. Marco Kieser vom Rheinischen Amt für Denkmalpflege, auf dessen Gutachten unser Text beruht, stellt abschließend fest: „Die Parzelle überliefert den Ort des seit dem 17. Jahrhundert belegten jüdischen Friedhofs von Wassenberg und dessen Bestattungen. Sie ist bedeutend für Wassenberg. Der Charakter als Friedhof ist angemessen gestaltet und anschaulich erhalten. Die Erhaltung der Parzelle, der Grabsteine und der Gedenksteine als Friedhof und Gedenkstätte liegt aus wissenschaftlichen, hier orts- und kulturgeschichtlichen Gründen, im öffentlichen Interesse.“ 

Aus dem Wassenberger Kulturausschuss heraus wurde angeregt, auch den dem jüdischen Friedhof benachbarten evangelischen Friedhof unter Denkmalschutz zu stellen sowie eventuell auch die Reste des Bunkers auf dem Burgberg, denn in der Eifel etwa gälten auch solche Befestigungswerke aus dem letzten Krieg als denkmalwert. (wer)

 


Ahorn Zeichen der Versöhnung

Heinsberger Zeitung  Fr, 12. Nov. 2004  Seite 6

Das Bäumchen stammt aus dem Garten von Walter Reis, der den Holocaust überlebt hat und jetzt in Kanada lebt. Von Betty-Reis-Schülern gepflanzt.

Wassenberg. Ein kleiner Ahorn-Baum auf dem jüdischen Friedhof bildet seit dem 10. November 2004 eine weitere Brücke zwischen Wassenberg und Kanada, dem Wohnort von Walter Reis, einziger überlebender des Holocaust auch in Wassenberg. Dieser 66. Gedenktag, der an das Niederbrennen der Wassenberger Synagoge im Jahre 1938 erinnert, bleibt ein besonderer Gedenktag.

Die Klasse 8.3 der Betty-Reis-Gesamtschule – auch „Ahorn“-Klasse genannt – pflanzte mit vereinten Kräften in unmittelbarer Nähe des Grabsteines der Familie Reis den kleinen Baum, der aus dem Garten von Walter Reis in Kanada stammt. Barbara Kaiser, die frühere Didaktische Leiterin der Betty-Reis-Gesamtschule, brachte ihn im September 2001, wenige Tage nach dem Terror-Angriff auf New York, von einer Besuchsreise bei Familie Reis mit nach Wassenberg. In ihrem Garten bekam der Setzling Wurzeln, schlug aus und bildete die typischen Ahorn-Blätter, die auch in der Nationalflagge Kanadas zu sehen sind. 

Zusammen mit ihrem Lehrer Sepp Becker und Karl-Heinz Geiser vom Heimatverein Wassenberg gruben die kräftigsten Jungen der Klasse das Pflanzenloch im harten Wiesengrund. Das Bäumchen soll hier zum Baum werden und zusammen mit den vielen kleinen Steinen auf dem Grabstein der Familie Reis ein bleibendes Zeichen der Erinnerung und des Friedens sein. 

Gedenkstätte 

Im Anschluss an die Pflanzung besuchten die Schüler und Schülerinnen die Gedenkstätte in der Synagogengasse, in der eine Tafel an den Standort der am 10. November 1938 niedergebrannten Synagoge erinnert. Die endgültige Sicherung des Mauerrestes und die Gestaltung einer Erinnerungsstätte ist das besondere Anliegen von Bürgern der Stadt Wassenberg, die besorgt sind nach dem Abbruch zahlreicher Häuser als Folge von Bergschäden im Vorjahr. Karl-Heinz Geiser erinnerte bei diesem Gedenken an die Ereignisse des 10. November 1938, als auch Schulkinder an die rauchenden Trümmer geführt wurden, um ihnen das Auslöschen der jüdischer Mitbürger und ihres kleinen Bethauses zu demonstrieren. 

Mit der Klasse 8.3. kamen am gleichen Tag noch mehrere Klassen der Betty-Reis-Gesamtschule zum Gedenktag in die Synagogengasse. (k.kli.)